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"Jürgen, geh doch mal schnell zur Trinkhalle und hol fünf Pils für Vati!" Geschwind schlüpfte Jürgen alsdann in seinen blauen Acryl-Trainingsanzug und machte sich auf die Socken. Das war gestern Abend gegen 19.00 Uhr. Doch irgenwie kam Jürgen vom Weg ab. Denn ein paar Stunden später stand er mit einem roten Mikrofon in der Hand zwischen Jürgen Klopp und Kai Pflaume beim Interview. Kurz nach dem Supercup-Trainingsspielchen der Bayern gegen Borussia Dortmund. "Vati, guck mal, unser Jürgen ist im Fernsehen drin! In Sat Eiiins."
Ich wußte gar nicht, dass Jürgen Klinsmann so kleinwüchsig ist. Zwischen Sunnyboy Kloppo und H&M-Dressman Kai Pflaume wirkte er richtig bubenhaft. Sein schüchternes Lächeln schien so, als hätte er Angst, dass der durstige Vati ihn im Fernsehen sieht. Ich konnte kaum glauben, dass das der knallharte Sanierer und Erneuerer ist, den ich in Erinnerung hatte.
Aber vielleicht lag das auch nur daran, dass Jürgen Klopp neben ihm stand. Auch er verkörpert die neue Trainer-Generation. Allerdings auf eine andere Art. Diese Art ist sehr extrovertiert und mitreißend. Während Jürgen Klinsmann eher nüchtern und zurückhaltend wirkt. Das sah man auch während des Spiels. Der eine zelebrierte Ausdruckstanz am Spielfeldrand und der andere saß meist regungslos neben Bratwurst-Uli auf der Bank.
Was beide wiederum vereinte war die Ausstrahlung einer nicht zu verachtenden Gelassenheit. Das haben sie fast alle drauf, die Fußballtrainer. Ok, nach einem Sommernachtskick wie am gestrigen Abend ist das auch nicht schwer. Nach einem wichtigen Spiel oder zum Ende der Saision flippt der eine oder andere schon eher mal aus.
Doch in den meisten Fällen sind Fußballtrainer sehr standfest. Da wird wenig herumgeeiert. Das geht auch kaum, wenn Millionen Menschen das Ergebnis der Führungs- und Trainingsarbeit gesehen haben. Was bleibt ihnen anderes übrig, als zu sagen: Das ist so und Peng! Ich weiß, wo wir gestartet sind, wo wir jetzt stehen und ich weiß, wohin wir wollen.
Nur, wer diese drei Dinge weiß, kann als Führungskraft Gelassenheit ausstrahlen. Der läßt sich nicht verrückt machen von Schlaubergern und Besserwissern. Verrückt und unsicher wird man als Führungskraft nur, wenn jemand einen wunden Punkt trifft. Insofern sind Schlauberger sogar wichtig. Denn wenn die Aussage eines solchen Kameraden einmal wehtut, dann hat er offenbar einen Glückstreffer gelandet. Vielleicht ist ja was dran?
Seht Euer Mitarbeiter-Team aus der Perspektive eines Trainers! Wo stand jeder Einzelne vor einem Jahr? Wohin sollen sich Eure Mitarbeiter entwickeln? Wo stehen sie jetzt? Ist eine spürbare Entwicklung erkennbar? Wo genau haben sich Eure Mitarbeiter verbessert? Gibt es Mitarbeiter, die seit Jahren auf der Stelle treten? Diese Fragen sind der Ausgangspunkt für ein gezieltes Training.
Nun aber erstmal Prost! Mit einem Pils aus Jürgens Einkaufstasche. Die hat er nämlich gestern im Stadion vergessen.
Euer Lasse


